Siedlung Lankwitz, ©Jutta Goedicke

Siedlung Lankwitz e. G.

Artikel aus 02|2018


Erinnerungen an eine Kindheit in Lankwitz

Die Siedlung Lankwitz e. G. wurde ab 1920/22 in einer Mischung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern gebaut. In einem schlanken, durch zwei Sackgassen eingeschnittenen Rechteck, umgeben von Äckern und Brachen, entstanden zehn dreigeschossige Wohnblöcke an der Seydlitz- und Frobenstraße, zwei kleinere Reihenhäuser an den Enden der Sackgassen und entlang der Dessauer- und Zietenstraße neunzehn einstöckige Siedlungshäuser mit nahezu einheitlichen Grundrissen. Um eine Wohnung oder ein Haus zu bekommen, musste man der Genossenschaft beitreten. Die ersten sieben Mitglieder waren Architekten, Beamte, ein Wachtmeister und eine Schauspielerin, die allerdings weder Eintritt noch Beitrag gezahlt hatte und 1928 ausgeschlossen wurde. Der Genossenschaftsanteil betrug damals 50 Goldmark.

 

 

 

 

 

Vor 33 Jahren bin ich in einen Neubau am Ende einer der Sackgassen gezogen. Kürzlich traf ich auf eine Frau, die als Kind auf genau diesem Grundstück gelebt hat. Sie zeigte mir ein altes Familienfoto von ca. 1950, auf dem ihr Vater und eine Ruine im Hintergrund zu sehen sind. Genau daneben wohne ich jetzt und da, wo auf dem Bild die Ruine ist, stehen nunmehr flache Nachkriegsbauten. Lankwitz wurde im Krieg zu 80 Prozent zerstört. Wenn man genau hinsieht, kann man den Flickenteppich aus alten und neuen Häusern sehen und den Weg der Bomben erahnen. Aber wie war es hier vor dem Krieg. Wie haben die Menschen hier gewohnt und die Kinder gespielt?

Im Mai starb Herr Rothe, der wie kein anderer die Geschichten der Siedlung bewahrt hat. Jedem, der zuzog, erzählte er mit lauter Stimme von seinen Erinnerungen. Er war ein Chronist, der mit liebevoller Akribie eine Akte pflegte, in der sich eine Sammlung aus Erinnerungen, Anekdoten, Bildern und Zeichnungen befand. Zu den Schätzen dieser Akte zählt die Aufzeichnung seines Freundes Prof. Arndt, der auf 42 eng beschriebenen Seiten von seiner Jugend in der Siedlung erzählt. Eigentlich nichts Spektakuläres, aber in der aufgezeichneten Genauigkeit ein wunderbares Sittenbild einer Zeit, in der aufgeschlagene Knie, Räuber und Gendarmenspiele oder Schweinebaumeln an der Klopfstange noch zu den liebsten Beschäftigungen von Kindern gehörte.

Aus seinen Erinnerungen:

Zwei Höfe wurden von zehn größeren dreistöckigen Wohnblöcken umgeben. Der kleine Hof war das „kleine Hufeisen“, der große Hof wohl das „große Hufeisen“, was aber keiner so nannte. In den beiden Häusern an den Enden der Sackgassen wohnten drei Familien und weitere in den 19 Ein- und Zweifamilienhäusern. Der „Siedlungsgewaltige“ war Johannes Gottschalk. Er war Kriegsveteran und wohnte in einer größeren Villa an der Südwestecke. Zwischen den Häusern gab es Rasen, Mietergärten, Müllkästen und Wäscheleinen. Überall wohnten andere Kinder! Einige gehörten zu den bewunderten „Großen“, andere gehörten zu den „Kleinen“. Je nachdem an welchem Ende der Siedlung man wohnte, gehörte man zu einer Bande, in der Groß und Klein gemischt waren. „Hansigma“ war in der Mitte und wurde erst viel später als Hans-Sigmar identifiziert. Überhaupt gab es viele Spitznamen, z. B. NURMI. Er war der Jüngste. Vom Daumenlutschen standen die Schneidezähne so schräg, so dass er nach seiner Mutter immer „Nutti, Nutti“ rief. Er war sehr klein, rannte aber mit solch einer Inbrunst, dass er den Namen des finnischen Rekordläufers erhielt.

Der Hof war das Universum von uns Kindern. Hier traf man sich, hier wurden Freundschaften geschlossen und gefestigt oder Streiche ausgeheckt. In einem festen Rhythmus kam Besuch auf den Hof. Die Müllmänner, deren gelbbrauner Sammelwagen mit rotierender Trommel vor der Hofeinfahrt blieb. Zwei kräftige Müllmänner holten die schweren Eisentonnen, packten sie rechts und links, sich gegenseitig von Schulter zu Schulter verstrebt stützend. Im Gleichschritt ging es dann zum Auto, wo die Tonne wiederum im Gleichmaß in die Halterung gehoben wurde. Auf bescheidenem Niveau eine artistische Nummer. Ab und zu tauchte ein Leierkastenmann auf, der mit eingewickelten kleinen Geldstücken belohnt wurde und ein Eismann mit einem Lederstück über der Schulter, auf dem er die großen Eisblöcke trug.

Gottschalk, der „Siedlungsgewaltige“ war als junger Mann in die deutschen Kolonien nach Afrika gegangen und war dort wohl Offizier in der Schutztruppe unter General Lettow-Vorbeck gewesen. Offensichtlich hatte er dort gut verdient, denn mit seinem Vermögen beteiligte er sich an der Gründung der Genossenschaft. Daher kam wohl auch der Verkauf der Einzelhäuser in der Siedlung an ehemalige Kriegskameraden, z. B. an „Jonny“ Wagner – schnellster Morsefunker der Welt.

Gerüche und Geräusche in der Siedlung:

Drei Gerüche im Haus haben sich in meiner Erinnerung eingeprägt: im Treppenhaus der Geruch nach Bohnerwachs, im Keller der Geruch nach Staub und Briketts und an den Waschtagen der Geruch nach heißem Waschwasser. Im Tagesverlauf kam so manches Geräusch dazu: das Pfeifen der Lokomotiven von der Bahnlinie oder das Tuten der Schiffe vom Teltowkanal – ein Ahnen von Hafenstadt und Meeresküste, das gleichmäßige auf- und abratschen des Rasenmähers, das eifrige Ausklopfen der Teppiche an der Klopfstange oder das schwere Rumpeln der Eisenkugel und des nachfolgenden Besens des Schornsteinfegers. Später hörte man das Brummen der Flugzeuge, die nach ihrem Start in Tempelhof in noch geringer Höhe direkt über die Siedlung flogen. Ende der zwanziger Jahre stürzte übrigens mal eine Postmaschine in Lankwitz-Süd ab.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Lebenserinnerungen eines Mannes, der in den 30er Jahren in der Siedlung Lankwitz geboren wurde. Beim Schreiben dieses Artikels bin ich selbst in meine Kindheit gereist und habe daran gedacht, was meine Eltern mir über ihre erzählt haben. Ein schöner Anlass für Gespräche in der Familie, oder?

Text und Bilder Jutta Goedicke

alte Bilder: Siedlung Lankwitz e. G.