Kiezmagazin Ferdinandmarkt

Veränderte Stadtansichten | Lichterfelde Ost

Artikel aus 02|2015


Verwunschen – Verschwunden – Vergessen

Stadtansichten im Wandel der Zeit –

Eine Stadt ist ständig im Wandel! Dinge kommen und gehen – nichts ist ewig. Bauwerke, die ursprünglich eine Funktion hatten,  sind irgendwann nicht mehr zweckmäßig, sinnvoll oder erhaltenswert und verkommen, werden sich selbst überlassen oder abgerissen. Denkmäler verschwinden, wenn keiner an sie denkt, Straßen führen plötzlich ins Nichts. Die Zeit fegt über Dinge hinweg bzw. am Ende ist es die Natur, die sich alles durch Überwucherung, Rost oder Zerfall zurückholt. Einzigartiges zu bewahren, zu pflegen und zu erhalten, ist die Aufgabe des Denkmal-schutzes. Gerade hier in Lichterfelde und Lankwitz gibt es etliche Bau- und Gartendenkmale, die die Geschichte vergangener Zeiten lebendig halten. Es gibt aber auch eine Reihe von Orten, die in Vergessenheit geraten sind, die nur noch in Fragmenten existieren, die kaum noch zu erkennen sind oder die einfach so nicht mehr existieren. Die Liste kann wahrscheinlich endlos weiter geführt werden, wir greifen hier nur einige Beispiele aus Lichterfelde Ost und Lankwitz auf.

Collagen von alten und aktuellen Bilder verwischen die Grenzen der Zeit

Die Collagen unseres Grafikers lassen die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwinden. Die grau/weißen Flächen des Kranoldplatzes und der Häuser zeigen eine Postkartenansicht um 1919, die farbigen Flächen markieren den Platz, wie er sich heute darstellt. Von den vier steilen Mansarddächernmit den reich verzierten Firstgittern, die dem Platz einst sein markantesGesicht gaben, ist heute nur noch eines geblieben.


Ein Haus, das einmal Lebensmittelpunkt für viele Menschen war, modert jetzt vor sich hin

Wie beschreibt man respektvoll ein ganzes Haus, das von seinen Bewohnern verlassen wurde, das seit Jahren leer steht und inzwischen einsturzgefährdet ist? Ein Haus, das einst mit einem Lebensmittelgeschäft der Mittelpunkt eines Gemeinwesens war, in dem mehrere Familien wohnten und in dessen einst gepflegtem Vorgarten jetzt eine Wildnis gewachsen ist. Darf man den Zustand der sich selbst überlassenen Räume dokumentieren? Es ist keine Verwüstung, es ist einfach Verfall. Die Feuchtigkeit hat die Tapeten in Bahnen von den Wänden gelöst und die alten Zeitungen darunter freigelegt. An einigen Stellen sieht man das nackte Mauerwerk, überall hängen noch Lampen. Selbst Nachbarn wissen wenig über die Geschichte des Hauses zu berichten. Es ist einfach hinter seinem Vorhang aus Gestrüpp, Bäumen und Sträuchern in Vergessenheit geraten. (Fotos: Philipp Bernstorf


Der Bismarckplatz

Mit dieser Collage erklärt sich die eigenartige Mittelinsel in der Morgensternstraße Ecke Königsberger Straße. (Früher Bismarckplatz und -straße Ecke Wilhelmstraße mit Bismarckdenkmal.) Hier standen prächtige Mietshäuser entlang der Bahnlinie und hier fuhr auch 1881 die erste elektrische Straßenbahn der Welt auf ihrem Weg zur Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde-West entlang.


Der S-Bahnhof Lichterfelde-Ost

Die Geschichte der S-Bahn-Linie 25 und des Bahnhofs Lichterfelde-Ost ist eng mit der Teilung unserer Stadt verbunden: Aufgrund einer Übereinkunft der Sowjetunion mit den westlichen Alliierten galten die Betriebsrechte der Deutschen Reichsbahn (DR) auch für den Westteil Berlins. Das hatte zur Folge, dass in West-Berlin, kurz nach dem Mauerbau, zur Boykottierung der S-Bahn aufgerufen wurde. Es hieß: “Jeder West-Berliner, der S-Bahn fährt, bezahlt den Stacheldraht am Brandenburger Tor.“ Durch die sinkenden Einnahmen der DR, wurde in den Folgejahren so wenig wie nur möglich investiert, sodass heruntergekommenen Bahnanlagen und ein maroder Fuhrpark das Bild der West-Berliner S-Bahn für die nächsten Jahrzehnte prägte. Von April bis Juli 1976 fotografierte Joscha Heinkow den Bahnhof Lichterfelde-Ost und dokumentierte den Verfall der Bahnsteige, die es so heute nicht mehr gibt. Mit der Übernahme der S-Bahn 1984 durch die BVG wurde der Betrieb auf dieser Linie eingestellt und erst nach der Wiedervereinigung am 28. Mai 1995 wiedereröffnet. Die Eröffnung des Fernbahnhofes erfolgte genau elf Jahre später. Fotos: Joscha Heinkow


Die ehemalige Kirchnerbrücke

Die Nicolaistraße in Lankwitz führte einst über die Kirchnerbrücke zur Johanna-Stegen-Straße und bildete dort in ihrer Verlängerung die Hauptachse des Stadtparkes Steglitz. Durch die unmittelbare Nähe zweier weiterer Brücken über den Teltowkanal befand man die im Krieg beschädigte Kirchnerbrücke als „entbehrlich“ und sprengte sie 1945. Heute zeugen nur noch die massiven Pfeiler und ein Teil des rostigen Brückengeländers von ihrer Existenz.

Die Villa Folke Bernadotte

Im Jungfernstieg 19 steht seit 1885 eine stattliche Villa, die 1928 vom damals noch minderjährigen Physiker Manfred von Ardenne (1907/1997) gemietet und später gekauft wurde. Hier gründete er sein Laboratorium für Elektronenphysik, arbeitete an der ersten vollelektronischen Fernsehübertragung und beteiligte sich während des Krieges an der Erforschung der Radartechnik und der Atomforschung. Bis 1945 diente ihm die Villa als Wohn- und Arbeitsstätte. Während des Krieges wurden auf diesem und dem benachbarten Grundstück 3 Bunker gebaut: einer für den Privatgebrauch des Barons, ein Zweiter als Tiefbunker, in den man über 38 Stufen gelangte. In diesem befand sich Ardennes Laboratorium. Nach dem Krieg, als Manfred von Ardenne in die Sowjetunion ging, um an seinen Forschungen weiter zu arbeiten, wurde alles Inventar aus den unterirdischen Räumen entfernt. Heute beherbergt das Grundstück ein Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum. Von den einstigen Bunkern, die sich dort immer noch befinden, ist nur noch ein großer Erdhügel zu erkennen, auf dem in den vergangenen Jahren eine mächtige Buche gewachsen ist.

Das Kriegerdenkmal am Teltowkanal

Im Grüngürtel am Teltowkanal, in der Nähe des Treidelbahn Denkmals an der Königsberger Straße, kann man sich darüber wundern, dass sich unweit auf der Wiese ein Sandhügel befindet, um den herum mehrere große Findlinge liegen. Hier stand einst ein Kriegerdenkmal mit einem Bronzeadler für gefallene Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Der Verbleib des Adlers ist unklar. Die großen Steine, die den Sockel des Denkmals bildeten, liegen offensichtlich immer noch hier.


Die ehemalige Coca-Cola-Fabrik

Die Geschichte der 1957-1958 errichteten Coca-Cola-Produktionsstätte in der Hildburghauser Straße begann eigentlich schon im Jahre 1936 in einem ehemaligen Brauereigebäude an gleicher Stelle. Die Teilnehmer und Besucher der Olympischen Spiele sollten damals nicht auf das Kult-Getränk aus Amerika verzichten. Während des Krieges musste die Fabrikation wegen Rohstoffmangels eingestellt werden, nahm aber 1948, zur Versorgung der amerikanischen Truppen und später des amerikanischen Sektors, seinen Betrieb wieder auf. Der Bedarf wuchs dermaßen an, dass 1957 eine Neuordnung der Produktion notwendig wurde und man in diesem Zuge den Architekten Hans Simon mit dem Neubau eines repräsentativen Fabrik- und Verwaltungsgebäudes beauftragte. In typischer 50er-Jahre-Architektur, mit türkisfarbenen Glasmosaiksteinen, einem eleganten Foyer mit geschwungener Freitreppe und großen Schaufenstern, hinter denen man früher die moderne Abfüllanlage sehen konnte, hat es das Gebäude immerhin auf die Denkmalliste der Stadt geschafft. Ein cineastisches Denkmal setzte ihm Billy Wilder 1961 mit seiner Ost-West Komödie „Eins, Zwei, Drei“.

Text Jutta Goedicke | Collagen: Philipp Bernstorf mit historischen | Fotos aus dem Archiv Wolfgang Holtz


 

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