Kiezmagazin Ferdinandmarkt
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Kunst im Knast | Söht 7

Artikel aus 01|2017


 EHEMALIGES FRAUENGEFÄNGNIS LICHTERFELDE –

Mitten in Lichterfelde, in der Söhtstraße 7, ging 2010 fast unbemerkt die Ära einer über hundertjährigen Haftanstalt, dem sogenannten Frauengefängnis zu Ende. Nach außen wirkt dieser ehemalige „Knast“ mit seiner historisierenden Renaissance-Architektur nicht wie ein Gefängnis, eher wie ein Schulgebäude. Im Rahmen einer Justizreform im Jahr 1906 wurde das Gefängnis direkt an das Amtsgericht Lichterfelde in der Ringstraße 9 angebaut und im Zuge von späteren Erweiterungsbauten ein Verbindungsgang zwischen Gefängnis und Amtsgericht hinzugefügt, der direkt in den Verhandlungsaal führte. Neben Walter Sarkur war Rudolf Mönnich einer der Architekten, der auch den Bau des Gerichtsgebäudes in der Littenstraße in Mitte zu verantworten hat.

Im Jahr 2016 kam der Kulturmanager Jochen Hahn auf die Idee, aus dem Gefängnis einen Ort des kreativen Austauschs zwischen Künstlern und Kunstinteressierten zu schaffen. Er ist Geschäfts-führer der Hahn Produktion, einer Gesellschaft für Theater, Management und Kulturaustausch und hat langjährige Erfahrung in der Umnutzung leerstehender Gebäude. In München hat er beispielsweise eine ehemalige Reithalle einer erfolgreichen kulturellen Nutzung zugeführt.

Dieser Ort des Freiheitsentzugs wurde ursprünglich für die Inhaftierung von Männern und von Frauen geplant, die nach Geschlechtern getrennt räumlich in verschieden Gebäuden untergebracht waren. Auch wenn der Mythos eines (ausschließlichen) Frauengefängnisses somit nicht mehr zu halten ist, sind die Besucher von der besonderen Atmosphäre und der Innenarchitektur nachhaltig beeindruckt.

Die “Böse-Mädchen-Zelle” war besonders lichtarm

und mit spärlichen hygienischen Einrichtungen ausgestattet

Durchschreitet man die dunklen Gefängnisflure mit ihren kalt wirkenden Stahlschlössern und Türen und wirft einen Blick in die engen Zellen, beispielsweise in die besonders lichtarme „Böse-Mädchen-Zelle“ mit ihren doppelten Gittertüren und den spärlichen hygienischen Einrichtungen, ist man froh, hier nicht inhaftiert gewesen zu sein. Insbesondere vor der Einrichtung des offenen Vollzugs soll es in der „Frauenhaftanstalt Tiergarten – Außenstelle Söhtstraße“ äußerst „ungemütlich“ gewesen sein; es wird von einer strengen Gefängnisdisziplin berichtet.

Zuletzt als Haus 2 der Justizvollzugsanstalt Düppel geführt, suchten die verbliebenen Freigängerinnen diese Anstalt nur noch nachts zum Schlafen auf. 2010 waren es lediglich noch zwei Frauen, die hier ihre Strafe absitzen mussten. Ein prominenter Freigänger war Berlins populärster Boxer Bubi Scholz, einst Boxeuropameister im Mittel- und Halbschwergewicht. Das Boxidol erschoss 1984 alkoholisiert seine Frau. Auch „Bommi“ Baumann, Mitbegründer der anarchistischen Bewegung 2. Juni, saß hier einen Teil seiner fünfjährigen Strafe ab.

Wie attraktiv das Ambiente des ehemaligen Gefängnisses ist, zeigt sich darin, dass es in Zeiten des Leerstandes des öfteren als Drehort und Filmkulisse genutzt wurde, vor der zum Beispiel Til Schweiger und sogar Goerge Clooney künstlerisch tätig waren. Unter anderem wurde das vom ZDF produzierte sechsteilige slapstickhafte Gefängnis-Sitcom „Im Knast“ hier gedreht und 2015 ausgestrahlt. Die nächste Staffel soll kommen.

Künftig sind jede Menge Veranstaltungen geplant

Es wird schnell klar, Jochen Hahn hat mit diesem Areal einen guten Griff getan. Er kann mit der Umsetzung seiner Pläne nicht nur dem kulturellen Leben im Berliner Südwesten einen Ruck geben, sondern Berlin um eine Attraktion reicher machen. Aus den 70 Zellen, den vier Sälen und der Kapelle, die in den 1980er Jahren aus einer separaten Baracke entstand, sind inzwischen Studios, Ateliers und Proberäume geworden. In den oberen Zellen gibt es sogar zu günstigen Konditionen Übernachtungsmöglichkeiten für durchreisende junge Künstler über airbnb. Und natürlich jede Menge Veranstaltungen wie „Pop-up-Ausstellungen“, Theater und Lesungen. Geplant und wünschenswert wäre es auch, wenn im Nordhof mit seinem schönen Apfelbaumbestand demnächst ein Café oder ein ähnliches Angebot entstehen und an schönen Sommertagen zum Verweilen einladen würde. Dabei ist zu hoffen, dass die Wohnnachbarschaft dem neuen Kulturtempel in Lichterfelde auch in Zukunft wohlgesonnen bleibt.

Text und Bilder Peter Hahn