(c) Jutta Goedicke

Lilienthal Siedlung

Artikel aus 02|2017


Ganz normal und doch besonders –

Im Herbst hatte ich die Gelegenheit, einen Spaziergang mit vier Bewohnern, durch die kleine Lilienthal-Siedlung zwischen Scheele- und Koloniestraße zu machen. Eine Chronik zu diesem Ort hatte ich vorher bereits lesen können und einen Eindruck mit wie viel nachbarschaftlichem Wohlwollen man sich hier begegnet hatte ich anlässlich einer privaten Feier vor einigen Wochen erlebt. Eher zufällig waren es nun Vertreter von drei Generationen, die mich an diesem Vormittag durch die Straßen begleiteten.

Es war eine besondere Zeit, als Hermann Schluckebier 1937 mit dem Bau einer Kleinhaussiedlung in unmittelbarer Nähe zu Lilienthals Fliegeberg beauftragt wurde. Das sandige Gebiet einer 3.5 Hektar großen ehemaligen Obstplantage wurde mit 52 äußerlich weitgehend gleichen Häusern bebaut und die Straßen Draisweg und Resselsteig, in Anlehnung an Lilienthal, nach berühmten Erfindern benannt. Auf einer Grundfläche von 350 – 800 Quadratmetern erstrecken sich meist zwei Etagen, die in einem hohen, spitzen Giebel enden. Eigentlich genau so wie es die Kinder malen: Das – ist – das – Haus – vom – Ni – ko – laus. Bestechend einfach in der Symmetrie und praktisch durchdacht in der inneren Aufteilung, die beim Bau noch individuell angepasst werden konnte. Über eine kleine Terrasse und wenige Stufen gelangte man in die Gärten, in denen zum Teil heute noch einige der ursprünglich dort gepflanzten Obstbäume stehen.

Die Waschküchen wurden als Luftschutzräume ausgebaut

Der Optimismus für ein friedliches Leben in den neuen Häusern wird damals jedoch nicht allzu groß gewesen sein, denn schon beim Bau der Siedlung wurden die Waschküchen im Keller als Luftschutzräume ausgebaut. Eine dicke Stahlbetondecke, eine mit Gummi abgedichtete verriegelbare, feuerfeste Stahltür sowie ein Stahlfenster ließen die neuen Bewohner sicherlich ahnen, dass ihnen unruhige Zeiten bevorstehen. Dass die Frischluftzufuhr mit eingebautem Gasfilter durch eine Handkurbel gesteuert werden konnte, wurde dabei sicherlich als halbwegs beruhigend empfunden. Auch die allgemeine Notversorgung mit Wasser wurde im Vorhinein durch den Bau eines Tiefbrunnens auf dem Grundstück Draisweg 1 geregelt und mit einem Mitbenutzungsrecht im Grundstückskaufvertrag festgeschrieben.

Schwierige Zeiten waren es jedoch auch im Hinblick auf die Bauhandwerker, die nach und nach zum Militär eingezogen wurden und auf die benötigten Baustoffe, die aufgrund fehlender Transportmittel teilweise mit Pferdefuhrwerken angeliefert werden mussten. In Zeiten, in denen erhebliche Mengen an Stahl, Eisen und Beton für den Bau des Westwalls gebraucht wurden, beschränkte man sich wieder auf herkömmliche Bauweisen mit Ziegelsteinen und sturzgemauerten Fenster- und Türöffnungen, die anstelle eines Stahlträgers die Last der Kräfte verteilten.

Im März 1941 heulte zum ersten Mal die Sirene, die sich auf einem 15m hohen Mast an der Schütte-Lanz-Straße befand. Der 132. Fliegeralarm in der Nacht vom 23. zum 24. August 1943 kündigte die Ereignisse an, in deren Folge Lankwitz zu 85 Prozent zerstört wurde. Bis zum Kriegsende 1945 wurde die Siedlung immer wieder schwer getroffen aber nie ganz zerstört. Für den Wiederaufbau wurden die Materialien aus dem Schutt gerettet, die noch zu verwenden waren. So gab es denn auch noch Jahrzehnte danach einige Dächer, die mit unterschiedlichen Ziegeln gedeckt waren.

Heute lebt hier ein buntes Völkchen von Berlinern und Zugezogenen

Heute, fast 80 Jahre nach der Errichtung der Siedlung lebt hier ein buntes Völkchen von Berlinern und Zugezogenen, die vielleicht gerade wegen der Einheitlichkeit der Häuser so entspannt miteinander umgehen. Obwohl die Siedlung nicht unter Denkmalschutz steht, gibt es offensichtlich einen Konsens, sich dieses beschaulich Bild weitgehend zu bewahren.

Was die Siedlung aber zusätzlich besonders macht, ist das gelebte Generationenprinzip, das hier wie von selbst funktioniert. Man begegnet man sich nicht nur im Vorübergehen, sondern hilft sich in Notfällen, nimmt die Bedürfnisse von Familien mit Kindern oder auch von älteren Bewohnern ernst und trifft sich zu verschiedenen Anlässen und mindestens zu zwei Straßenfesten im Jahr. Dann wird es schon gern mal pathetisch, wenn unter der Überschrift „Winterzauber“ Mitte Dezember an der breitesten Straßenecke der Siedlung ein Tannenbaum für einige Stunden an einer Laterne fixiert, geschmückt und freudig befeiert wird. Eben kleine Rituale, die immer funktionieren, nicht nur in der eigenen Familie.

Möglicherweise gibt es solche oder ähnliche Aktivitäten auch an anderen Orten im Kiez, vielleicht ist dieser Bericht aber auch ein Ansporn dafür, dass vieles machbar ist, wenn einer nur damit beginnt.

Text und Bilder Jutta Goedicke