Kiezmagazin Ferdinandmarkt
(c) Jutta Goedicke

Giebelbemalungen und Zeitgeist der 50er und 60er Jahre

Artikel aus 02|2017


VOM AUFBAUPROGRAMM DER NACHKRIEGSZEIT

Wo bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts Häuser noch durch das Anbringen von Stuckarbeiten oder Ornamenten im Rahmen des Historismus oder des Jugendstils „geschmückt“ wurden, brachte die neue Sachlichkeit des Bauhausstils nach 1920 ein Umdenken, das sich zuerst in der architektonischen Gestaltung und später auch in allen anderen Bereichen des Designs und der Kunst manifestierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere im Aufbauprogramm der 1950er und 1960er Jahre verzichtete man gänzlich auf starre, dekorative Elemente in der Architektur und setzte stattdessen Akzente durch gerasterte Fassaden, zarte Fensterprofile, schwebende Vordächer, pastellige Farben und sanfte Linien. Das neue Lebensgefühl drückte sich in leichten, schwungvollen Formen aus, die z. B. mit dem Nierentisch der ganzen Epoche einen Namen gab. Mit den begrenzten Mitteln der Zeit wurden nun so unterschiedliche Materialien wie Mosaik- und Keramikfliesen für Hauseingänge, Glasbausteine und geschwungene Metallbänder in Treppenhäusern sowie an Balkonen und Fenstergeländern verarbeitet. (siehe auch Artikel “verborgene Schönheiten” zu Treppenhäusern der Nachkriegszeit)

Neue Formensprache und Stilelemente

Im vom Krieg besonders schwer zerstörten Lankwitz zeigt sich die neue Formensprache besonders deutlich. Überall, zwischen dem S-Bahnhof Lankwitz und der Malteser Straße, bauten DeGeWo, Gagfa und verschiedene Genossenschaften im Rahmen des Aufbauprogrammes Siedlungshäuser, die teils in Blockbebauung mit großen, grünen Innenhöfen, teils freistehend mit bis zu 12stöckigen Hochhäusern der großen Wohnungsnot gerecht wurden. In den letzten Jahren wurden die Häuser nach und nach saniert und geben heute ein sehr gepflegtes Bild ab, wenn auch nicht überall die prägenden Stilelemente erhalten blieben. Mit einem Zukunftshaus an der Havensteinstraße 20/22 ging die DeGeWo sogar noch einen Schritt weiter und spannte bei der Sanierung einen Bogen zwischen alter Bausubstanz und hochmoderner Emissionstechnologie.

Wenn auch keine ornamentalen Verzierungen an den Häusern mehr üblich waren, gab es doch einige Beispiele, sich mit Giebelbemalungen von anderen Häusern abzusetzen. Wo sich im Zentrum Berlins oft riesige Werbebotschaften auf Häuserwänden befanden, beließ man es hier eher beim Namenszug der Wohnungsbaugesellschaft, bei ideellen Botschaften oder bei mehr oder weniger abstrakten Bildern. Das manches davon dem Zeitgeist nicht standhält oder unter Dämmungen verschwindet, sieht man ausgerechnet an dem Wandbild in der Morgensternstraße 30, das wir im Frühjahr für unser Kiezspiel ausgewählt hatten. Im Rahmen der Renovierung ist es nunmehr verschwunden.


Um freie Künstler zu unterstützen, verpflichten sich bereits seit 1919 staatliche Bauherrn mit „Kunst am Bau“, ca. 1 Prozent der Kosten von öffentlichen Bauten für Kunstwerke zu verwenden. Auch private Bauherren kommen ab und zu diesem Anspruch nach. Die Kunst ist dabei dauerhaft mit dem Bau verbunden oder steht in räumlichen Bezug zu einem Bauwerk.


Zum Richtfest des Hauses Alt Lankwitz/Langkofelweg am 30. Juni 1954 wurde das Wandbild von Gerda Sieburg entworfen. Die an diesem Tag stattfindende Sonnenfinsternis sollte in einer Botschaft aus geometrischen Figuren besonders dargestellt werden:

1. Das Atomzeitalter, mit dem Atomkern umkreisenden Elektronen auf elliptischen Bahnen.

2. Eine Sanduhr, die das damals zur Hälfte abgelaufene Jahrhundert symbolisiert.

3. Einen verdeckten Strahlenkranz, der an die Sonnenfinsternis am Tage des Richtfestes erinnert.


In der Bruchwitzstraße befinden sich die Häuser der sogenannten Westpreußensiedlung. Die Wandbilder zeigen zur Erinnerung Motive der alten Heimat, z. B. das Wappen von Westpreußen (Adler mit Schwert), das Krantor in Danzig oder das Bild des berühmten Astronomen Nikolaus Kopernikus mit dem Wappen seiner Geburtsstadt Thorn, heute Torun/Polen.

Das Wandbild Am Gemeindepark 48 stammt vom Künstler Boam-cage, 2006. Näheres dazu war leider nicht zu recherchieren.

Wandbild an der Paul-Schneider-Grundschule: Drei Kinder an der linken Seite als Graffito (Fassadenkratztechnik) von Alfred Trenkel von 1956

Text und Bilder Jutta Goedicke