Kiezmagazin Ferdinandmarkt

Tagesausflug zum Schloss Marquardt

Artikel aus 02|2015


Geschichtsträchtiger Tagesausflug

SCHLOSS MARQUARDT,
SCHWEIZER KOLONISTENDORF NATTWERDER
UND WEINBERG IN TÖPLITZ –

Marquardt ist ein typisches, märkisches Dorf mit kopfsteingepflasterten Straßen, Häusern aus rotem Backstein, einem alten Dorfkrug und einem Storchennest an der Hauptstraße. Es liegt idyllisch zwischen Wublitz, Schlänitzsee und dem Sacrow-Paretzer Kanal mitten im Havelländischen Obstanbaugebiet. Den Eingang zum weitläufigen, denkmalgeschütztem Schlosspark bildet ein großes, schmiedeeisernes Tor direkt neben der Kirche. Gleich hinter dem Verwalterhaus erstreckt sich ein 14 Hektar großer Park bis hin zum flachen Ufer des Schlänitzsees. Saftige Wiesen, uralte Platanen, verschlungene Wege und kleine Brücken führen durch das Gelände.

Das Schloss, ursprünglich im 17 Jahrhundert als Herrenhaus erbaut, liegt auf einem kleinen Hügel, von dem aus eine Sichtachse gen Westen zum See hinunter läuft. 1823 wurde der Park vom Gartenbaumeister Peter Josef Lenné für die Familie von Bischoffwerder neu strukturiert. Hans Rudolph von Bischoffwerder war General in der Preußischen Armee und enger Vertrauter von König Friedrich Wilhelm II.. Als solcher half ihm der König 1795 beim Erwerb von Schloss Marquardt. Beide verband die Mitgliedschaft im Rosenkreuzer-Geheimbund, der sich gegen die
Aufklärung und für Religion und Wissenschaft unter Mithilfe von Alchemie und Geisterseherei starkmachte. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die so genannte „Blaue Grotte“ die in den Hang unterhalb des Schlosses eingebaut wurde. Hier fanden spiritistische Sitzungen statt, in deren Verlauf dem König vorgespielt wurde, mit seinen verstorbenen Vorfahren reden zu können und sich Rat von ihnen zu holen. Die Grotte war mit blauen Schlackesteinen ausgelegt, die mit ungewöhnlichen Lichtund Farbeffekten beeindruckten. Hinter einer doppelten Rückwand konnten sich die Sprecher der Geisterstimmen verbergen. Theodor Fontane, der Schloss Marquardt dreimal besuchte, und die Grotte kurz vor ihrem Abriss 1860 noch einmal betrat, beschrieb sie in seiner „Wanderung durch die Mark Brandenburg“. Bevor 1932 das renommierte Hotelunternehmen Kempinski Schloss Marquardt erwarb und es zu einem Ausflugsziel mit Hotelbetrieb für betuchte Berliner machte, bekam es durch den bekannten Stahlunternehmer und Vorbesitzer Dr. Louis Ravené, mittels verschiedener An- und Umbauten sein heutiges, äußeres Aussehen. Die Glanzzeiten des Hauses endeten mit der Enteignung der Kempinski-Gruppe und der Nutzung als Lazarett im Zweiten Weltkrieg. Später wurde es als Flüchtlingsunterkunft, Gehörlosenschule und für verschiedene agrarbiologische Einrichtungen genutzt.

Heute scheint das Schloss immer noch in einem Dornröschenschlaf zu liegen. Es kann zwar für private Feierlichkeiten, Filmaufnahmen oder Events gemietet werden, aber ein regelmäßiger gastronomischer Betrieb findet hier leider nicht statt. Dafür gibt es im „Alten Dorfkrug“ unweit des Eingangs eineeinfache, ländliche Küche oder man besucht den Lavendelhof gleich um die
Ecke unter dem Storchennest. Wer seinen Hunger noch etwas zurückhalten kann, dem sei die Weiterfahrt nach Töplitz in „Mohr’s Herzl Chalet“ empfohlen, einem originell gebautem Café und Hotel mit Schweizer Einfluss odernach Neu Töplitz, in das Weingut Klosterhof Töplitz, aber dazu gleich mehr.

Auf dem Weg nach Töplitz lohnt es sich, vorher ein Abstecher in das Schweizer Kolonistendorf und Flächendenkmal Nattwerder einzuplanen. Den kleinsten Ortsteil Potsdams erreicht man über Grube (Abzweig kurz hinter der Dorfeinfahrt nach links) und entlang einer langen Allee durch das Golmer Luch. Auf Betreiben des  Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm wanderten 1685 vierzehn calvinistische Familien mit 100 Personen und einem Pfarrer aus der Schweiz in das vom 30-jährigen Krieg und von der Pest entvölkerte Brandenburg ein. Sie kamen per Schiff über Rhein, Elbe und Havel und fanden hier eine neue Heimat. Die ursprüngliche Anlage in vier Höfen ist noch heute erkennbar, obwohl sie 1867 durch einen Brand zerstört wurde und nur in den Grundmaßen wieder aufgebaut wurde. Der Bau einer eigenen Kirche war Teil des Vertrages zwischen dem Landesherrn und den Kolonisten und so ist die 1690 gebaute und heute noch im Originalzustand erhaltene Kirche in Nattwerder, die älteste in Potsdam. Zurück auf der Hauptstraße, sollte man als Abschluss des Ausfluges nicht den Besuch des 5,5 km entfernten Weingutes Klosterhof Töplitz verpassen. (In Neu Töplitz links halten und der großen roten Weinflasche bis zum Ende des Weges folgen.) Auf einen Moränenhügel, der von der Sonne und vom Mikroklima der umliegenden Gewässer beeinflusst wird, bauten schon die Zisterzienser im 14. Jahrhundert Wein an. Heute ist es Klaus Wolenski, der hier fünf Weißwein- und zwei Rotweinsorten in BIO-Qualität wachsen lässt. In einer Besenwirtschaft, die bei schönem Wetter samstags und sonntags von 15 bis ca. 18 Uhr geöffnet ist, kann man den Wein und kleine Speisen probieren. Ein Highlight ist es, wenn
man sich dort einen Picknickkorb mit Wein zusammenstellen lässt und damit den ca. 30 Meter hohen Weinberg erklimmt. Oben hat man eine herrliche Aussicht auf die umliegende Havel-
und Seenlandschaft und kann, ggf. unter zwei offenen Hütten, denSonnenuntergang genießen.

Text: Jutta Goedicke, Fotos: Jutta & Maxi Goedicke, Philipp Bernstorfn

Wie komme ich hin?

Anfahrt nach Marquardt: Bus 614
ab Potsdam Hbf. | Regionalbahn
RB 21 ab Berlin Hbf. | Mit dem Auto:
Potsdam Richtung Sanssoucis, von
dort auf die Bundesstraße 273 oder
A10 Berliner Ring (Abfahrt Potsdam/
Nord), Bundesstraße 273 | Zurück
von Töplitz: über A10 Auffahrt Leest