Kiezmagazin Ferdinandmarkt

Von Dorf zu Dorf

Artikel aus 01|2013


Groß-Lichterfelde und Lankwitz an ihren Schnittstellen

Straßen sind die Lebensadern von Städten bzw. die Keimzellen von Siedlungen. Bevor eine Ansiedlung stattfand, war eine Straße oder ein Weg vorhanden. Straßen verbinden Orte und geben durch ihre Beschaffenheit, Breite und ihren Namen Auskunft über ihre Wichtigkeit oder ihre Richtung. Straßen müssen sich entweder dem Terrain anpassen oder verbinden bestenfalls zwei Punkte auf geradem und direktem Weg. Interessant wird es, wenn zwei Gemeinden zusammenwachsen und sich die Straßen zweier, in ihrer Entwicklung völlig unterschiedlicher Bezirke, zu einer Straße vereinen. Zwischen Lichterfelde und Lankwitz sind diese Schnittpunkte noch heute, nach über 100 Jahren, bei genauerem Hinsehen zu entdecken.

Spurensuche zwischen Lankwitz und Lichterfelde

Groß-Lichterfelde wurde nach 1865 durch den Aufkauf der verarmten Rittergüter Lichterfelde und Giesensdorf und die Erschließung durch Johann Anton Wilhelm von Carstenn wesentlich früher in eine fortschrittliche, wohlhabende Vorortlage von Berlin geführt als die überwiegend bäuerlich geprägte Gemeinde Lankwitz. Gegenüber der akribisch geplanten Villenkolonie Lichterfelde Ost um den Marienplatz und den heutigen Oberhofer Platz, ging die Bebauung im benachbarten Lankwitz mit seinen Äckern und Brachflächen nur spärlich voran. Eine der markanten Schnittstellen zwischen beiden Gemeinden ist die Gärtnerstraße, die zwischen der „Carstenn-Siedlung“ und dem Lankwitzer Komponisten-Viertel liegt. Zwischen 1869 und 1872 kaufte dort der Bankier und Bodenspekulant Felix Rosenthal 240 Morgen Land von den Lankwitzer Bauern Zietemann und Mertens und begann den Bau eines eigenen Villenvorortes nach dem Vorbild seines erfolgreichen Nachbarn. Kurios ist, dass Rosenthal dabei die vorhandene Allee in der Gärtnerstraße symmetrisch nachbildete und somit eine doppelte Allee auf Lankwitzer Gebiet schuf.

Das Klamottenviertel

Südlich der Anhalter Bahn und der Kaiser-Wilhelm-Straße gründete 1887 der Großbauer Zietemann das Zietemannsche Gelände und siedelte dort Handwerker, Kaufleute und Beamte aus Berlin an, die sich allerdings auf Grund der Abgeschiedenheit nur zögerlich niederließen. Spöttisch wurde das Gebiet, das später die Namen verdienter „Haudegen“ wie Derfflinger, Dessauer, Froben, Seydlitz und Zieten erhielt, das Klamottenviertel genannt. Die Ortsgrenze zwischen den Gemeinden Lichterfelde und Lankwitz ist hier übrigens entlang der Luisen- und Zerbster Straße anhand von verschiedenen Merkmalen noch besonders deutlich zu erkennen.

  • Die Änderung der Straßennamen (Derfflingerstraße/Jägerstraße, Frobenstraße/Parallelstraße, Dessauerstraße/Lange Straße, Georgenstraße/Gräfentaler Straße)
  • Die Verschiedenheit des Straßenpflasters
  • Die unterschiedliche Bepflanzung mit Straßenbäumen
  • Die Straßenbeleuchtung auf Lichterfelder Seite mit Gaslaternen und auf Lankwitzer Seite mit elektrischen Masten.

Um nicht das Gelände des Lankwitzer Friedhofs zu durchtrennen, umschließt die Ortsgrenze hier das Terrain des Friedhofs. Markant ist die leichte Krümmung der Lorenzstraße bevor sie im weiteren Verlauf Mariannenstraße heißt. Dieser unvollendete Bogen sollte eigentlich auf die Grabenstraße treffen und dort die von Carstenn geplante städtebauliche Figur vollenden. Der Begriff „Carstennfigur“ steht für eine regelmäßige Anordnung von Straßen und Plätzen, bei der sich ein umlaufender Straßenzug mit einer Allee im Zentrum befindet, der von vier Plätzen eingefangen wird – eine Herausforderung für jeden Orientierungssinn.

Durch die Eingemeindung nach Berlin änderten sich viele Straßennamen

Mit der 1920 vollzogenen Eingemeindung von vielen Landgemeinden und Dörfern zu Groß-Berlin trat das Problem auf, dass sich viele Straßennamen auf engstem Raume wiederholten. Fast jedes Dorf hatte eine Berliner Straße, eine Wilhelmstraße oder eine Bismarckstraße. Zu Gunsten der größeren Gemeinden mussten daher die kleineren ihre Straßennamen ändern. Lankwitz war davon besonders betroffen, aber auch die Lichterfelder Wilhelmstraße, die in Oberhofer Weg umbenannt wurde oder die Bismarckstraße, die den Namen Morgensternstraße bekam. Bis 1915, bevor die Anhalter Bahn „hochgelegt“ wurde, erreichte man an dieser Stelle übrigens noch die Lankwitzer Straße und den Kranoldplatz über einen Bahnübergang. (siehe Bild)