copyright Jutta Goedicke

Geheimnisvolle Orte

Artikel aus 01|2016


GRUNDSTÜCK MIT EINDRUCKSVOLLER GESCHICHTE

ehemaliger Bunker in der Kurfürstenstraße

In den letzten Monaten hat hier in Lankwitz/Lichterfelde ein Thema die Gemüter vieler Anwohner erregt: Durch die Bebauung des großen Grundstückes Kurfürsten- Ecke Derfflinger Straße mit einer dreigeschossigen Eigentumswohnanlage ist nicht nur ein kleines Wildwuchsparadies verschwunden (das passiert natürlich, wenn ein Anwesen verkauft wird), es ist auch mit lautem Getöse und entnervender Beharrlichkeit ein Stück Berliner Geschichte zerstört worden. Im hinteren Teil des Grundstückes, das einst der Familie Görwitz gehörte (Fa. Horn & Görwitz – seit 1898 Entwicklung von Schreibmaschinen für den Telegraphenbetrieb), existierte bis dahin ein sehr gut erhaltener Flachbunker aus dem Jahr 1940/41. In einem Gespräch mit Herrn Arnold vom Verein „Berliner Unterwelten“ erfuhr ich, dass das Denkmalamt nichts von dem geplanten Abriss wusste. Zwar stand der Bunker nicht unter Denkmalschutz, aber in Anbetracht dessen, das es bisher kein einziger Flachbunker in Berlin auf die Denkmalliste geschafft hat, wäre es wichtig gewesen, zu handeln, bevor ein weiteres Zeugnis unserer Geschichte verschwindet. Dem Verein gelang es immerhin in „letzter Minute“, nachdem sich die Presslufthammer schon tagelang mit wenig Erfolg in den Beton fraßen, einige verbliebene Einbauten wie Türen, Rahmen, Gitterplatten der Lüftungstürme, sowie den gut erhaltenen Ofen zu sichern.

Dietmar Arnold erklärte mir mehr darüber: Dieser 18-Kammer-Bunker wurde in der „ersten Welle“ von Bunkerbauten in Berlin errichtet. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, wovon etwa 500 Flachbunker für jeweils 300 bis 350 Personen in dicht besiedelten Wohngebieten gebaut wurden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurde an kinderreiche Familie aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es noch Aufenthalts- und Sanitärräume. Dass die Bunker mit so vielen relativ kleinen Räumen bestückte wurden, erklärte Herr Arnold damit, dass man dadurch möglichen Paniken vorbeugen wollte.

„Ruhe bewahren, Nicht drängen“ stand in großen Buchstaben an der Wand

Als ich durch ein Gespräch im Sommer letzten Jahres auf den Bunker aufmerksam wurde, führte noch ein unscheinbares, mit einer Kette gesichertes Holz-Gattertor von der Kurfürstenstraße aus, auf einem schmalen, zugewachsenen Weg in die Mitte des Flurstückes Froben-, Luisen-, Kurfürsten- und Derfflinger Straße. Zu der Zeit hatte man schon mit der Rodung von Sträuchern und Bäumen begonnen. Der Bunker ragte ca. zwei Meter aus dem Boden heraus und war an seinen zwei Ein/Ausgänge und an den Lüftungsschächten zu erkennen. Die großen Gittertüren waren nicht verschlossen, sodass man ungehindert die steile Treppe hinunter steigen konnte. „Ruhe bewahren, Nicht drängen“ stand in großen Buchstaben an der Wand. Eine dicke Eisentür mit einem verrosteten Guckloch riegelte früher die dahinter liegenden Räume hermetisch ab. Gegenüber lag der Heizraum mit einem Ofen. Vorbei an Sanitärräumen führten zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es auch wieder einen größeren Raum, einen Sanitärraum und eine Schutztür.

Nach dem Krieg wurden dort Filme gelagert und später war er vermutlich auch einer von ca. 700 Depots der „Senatsreserve“, die aufgrund einer Verordnung der drei Stadtkommandanten von West-Berlin für den Fall einer neuen Blockade Grundnahrungsmittel, Medikamente, Kohle und Treibstoffe für mindestens 180 Tage bevorraten sollte.

wasserführende Bodenschicht zum Teltowkanal

Eine Anekdote erzählte mir noch Herr Schmidt, der in einem der Reihenhäuser in der Derfflinger Straße wohnt: Als dieses Gelände früher noch von einer Gärtnerei genutzt wurde, existierte dort im hinteren Teil auch ein kleiner Teich. Eines Tages, im Jahr 1908, als in zwei Kilometer Entfernung der Teltowkanal gebaut wurde, war über Nacht das ganze Wasser aus dem Teich verschwunden. Vermutlich war es über eine wasserführende Bodenschicht in den neuen Teltowkanal gesogen worden. Übrigens wurde dieses Phänomen später von Herrn Schmidt noch einmal selbst beobachtet, als man Wasser aus einem Swimmingpool etwa an der gleichen Stelle ablaufen ließ und es regelrecht vom Boden eingesogen wurde.

Durch ein Versehen des Bauamtes wurden irgendwann die Pläne für die Entwässerungsanlage des Bunkers in der Kurfürstenstraße 29 aus dem Jahr 1941 in einer falschen Grundstücksakte abgelegt und lösten damit Rätselraten bei den neuen Eigentümern des Grundstückes Nr. 19 aus.

Text und Bilder Jutta Goedicke