Bahnsteig Lichterfelde Ost

Bahnhof Lichterfelde Ost

Artikel aus 02|2018


150 Jahre Entwicklungsmotor im Berliner Süden

Noch bevor an einen quirligen Vorort von Berlin zu denken war, durchschnitt seit 1841 die Anhalter Bahn, von Köthen nach Berlin fahrend, das verarmte Gutsdorf Giesensdorf. Für den Hamburger Bauunternehmer Johann Anton Wilhelm von Carstenn war das der entscheidende Punkt, um hier Flächen aufzukaufen und der Bahngesellschaft einen Haltepunkt abzutrotzen. Sein kühner Plan, einen grünen, luftigen Wohnort vor den Toren der Metropole für begüterte Berliner zu schaffen, konnte nur funktionieren, wenn es eine unkomplizierte Anbindung an die Stadt geben würde. Nachdem Carstenn umfangreiche Zusagen für den Betrieb des Vorortbahnhofes gemacht hatte, einigte man sich vorerst auf das Anhalten zweier Züge am Tag.

Zusagen an die Bahngesellschaft

Dafür garantierte Carstenn eine Summe von 600 Taler als Jahreseinnahmen, schenkte der Bahn das Land, sagte die Pflasterung des Terrains zu, übernahm die Bepflanzung sowie die Versorgung mit Gasleitungen und sicherte den Bau eines Bahnhofsgebäudes auf eigene Kosten zu.

Indes war Carstenn schlau genug, das Bahnhofsgebäude für den Fall des Scheiterns so zu gestalten, dass es mit wenigen Umbauarbeiten in eine geräumige Scheune hätte verwandelt werden können. Die Schauseite richtete er zum Jungfernstieg aus. Am 20. September 1868 wurde der Vorortbahnhof feierlich eingeweiht. Carstenn hatte sich für die mit der Bahn anreisende Festgesellschaft etwas besonderes einfallen lassen, um das noch karge Ackerland in besserem Licht erscheinen zu lassen. Die Strecke vom Bahnhof bis zum Pavillon Restaurant, welches sich in der Nähe des Lichterfelder Dorfangers befand, ließ er mit hunderten von Lorbeerbäumen und anderen Gewächsen in großen Kübeln ausstatten, was alle mächtig beeindruckte.

Entwicklungsmotor für die Region

Der Bahnhof war für die Entwicklung des Vorortes von entscheidender Bedeutung, auch wenn es viel Mühe kostete, das riesige Gebiet zu besiedeln. Anfangs verschenkte Carstenn sogar Grundstücke unter der Bedingung, dass man sich hier ansiedeln und ein Wohnhaus bauen würde. Auch der Bau der Hauptkadettenanstalt, die am Ende Carstenns Ruin darstellte, war mit dem Ziel gebaut worden, im Umfeld der Anstalt viele Grundstücke verkaufen zu können. Dass später auf den Schienen der Materialbahn, die zum Bau der Hauptkadettenanstalt vom Bahnhof aus verlegt wurden, die erste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr, ist ein historisches Detail, das zur Geschichte des Bahnhofes gehört.

 

Bahnüberführung ersetzt alte Schrankenanlage

Zwischen 1913 und 1916 wurde das ganze Bahngelände auf einem Damm gelegt, um den beschrankten Bahnübergang an der Lankwitzer Straße zu ersetzten. Das neue Empfangsgebäude wurde von den Architekten Karl Cornelius und Alfred Lücking entworfen, die es mit Pilastern zum Jungfernstieg, einem Uhrgiebel und einem repräsentativen Portal zur Südseite schmückten. Der Bahnhof bekam nunmehr drei Bahnsteige mit sechs Bahnsteiggleisen. Zum 21. März 1925 wurde die Haltestelle in Bahnhof Lichterfelde Ost umbenannt.

Bis 1952 hielten hier noch Fernzüge und bis Januar 1984 fuhr die S-Bahn noch die maroden Bahnhöfe an. Mit der Übernahme der Betriebsrechte durch die BVG wurde der Bahnbetrieb von 1984 bis zur Wiedereröffnung am 28.5.1995 eingestellt. Für drei Jahre war der Bahnhof Lichterfelde Ost dann vorläufige Endstation, bevor die Strecke bis nach Teltow verlängert wurde. Seit Mai 2006 halten wieder Regionalzüge an den beiden Seitenbahnsteigen.


Von April bis Juli 1976 fotografierte Joscha Heinkow den Bahnhof Lichterfelde-Ost und dokumentierte den Verfall der Bahnsteige, die es so heute nicht mehr gibt.


Text Jutta Goedicke / Quelle Buch: Liebling Lichterfelde von Paul Lüders

Historische Bilder: Wolfgang Holz und Sigurt Hilkenbach

Aktuelle Aufnahmen: Philipp Bernstorf