Kiezspaziergang durch die Morgensternstraße

Artikel aus 01|2018


KIEZSPAZIERGANG MIT WOLFGANG HOLTZ, EHEM. LEITER DES HEIMATMUSEUMS STEGLITZ

Die Morgensternstraße – 650 Meter Geschichte und Geschichten

Wieder einmal beginnt unser Kiezspaziergang mit einer Drehung um die eigene Achse. Wir stehen diesmal an der Morgensternstraße Ecke Königsberger Straße, direkt vor der Bahnunterführung, deren Durchfahrt noch bis zur Hochlegung der Bahntrasse 1913- 15 mit einer Bahnschranke geregelt war. Zu dieser Zeit hieß sie noch Lankwitzer Straße und führte in einer schnurgeraden Linie nach Lankwitz. Noch zweimal wurde ihr Name geändert: um 1890 in Bismarckstraße und am 10. Juni 1961 in Morgensternstraße. Uns interessiert dabei besonders die Zeit um 1900, also die Zeit der Bismarckstraße und des Bismarckplatzes, dessen Anlage noch heute zu erahnen ist. Eine Sammlung unter begeistertern Verehrern Bismarcks hatte damals die Aufstellung der imposanten Bronzebürste von Harro Magnussen ermöglicht.

Sie wurde genau zum 80. Geburtstag Bismarcks, am 1. April 1895, mit Blickrichtung in den gegenüberliegenden Jungfernstieg aufgestellt. Reich verzierte, zweigeschossige Wohnhäuser standen hier direkt bis an die Bahnlinie heran. Mit zahlreichen Geschäften im Parterre und der Haltestelle der ersten elektrischen Straßenbahn (Bericht in Ausgabe 01|2017) vor der Tür, muss es, schon damals eine lebhafte Ecke gewesen sein. Direkt daneben in Haus Nr. 29, befand sich bis 1904 das Landhaus Lorentz. Mit seinem schattigen Biergarten und dem großen Festsaal zog es viele Besucher aus Berlin an. Leider wurde das Landhaus Lorentz wahrscheinlich wegen Erweiterung der Bahnanlagen schon 1904 abgerissen. Das dreistöckige Mietshaus, das wenig später an dieser Stelle errichtet wurde, hat den Krieg, im Gegensatz zu fast allen Häusern, die hier parallel zur Bahn standen, überlebt. 1942 wurde das Bismarckdenkmal vermutlich für Kriegszwecke eingeschmolzen. Das einzige klassizistische Haus, das an diesem Platz noch erhalten und als Baudenkmal ausgewiesen ist, ist das Eckhaus von Schwartzkopff & Theising (1890-91) mit seinen markanten Giebeln und dem Pavillon, der heute noch im Sommergarten des Restaurant “Friedhard’s” steht.

Gelber Briefkasten erinnert an den einstigen Standort des kaiserlichen Postamtes

Das große, heute gelbe Gebäude mit der Hausnummer 2/3 war von 1898 an das Hauptpostamt von Lichterfelde. 1910 wurde es umgebaut und 1924 aufgestockt. Außer dem davor stehenden Briefkasten erinnert heute kaum noch etwas an dieses repräsentative Gebäude aus der Kaiserzeit. Die auffällige Dachkonstruktion wurde im Krieg zerstört und später durch ein einfaches Spitzdach ersetzt. 1951/52 wurde das Postamt wieder in Betrieb genommen, aber wegen Unrentabilität am 31. Mai 1978 für immer geschlossen. Nach langem Leerstand war es später für einige Jahre Sitz des Kunsthistorischen Instituts der FU. Rechts an der Hofeinfahrt befindet sich noch ein steinernes, von einem Bären getragenes Lichterfelder Wappen an der Wand.

Die hufeisenförmige Anlage nebenan, in der Morgensternstraße 4, war seit 1873 ein Haus des Frauenheim-Vereins. Zwar war es damals üblich, alte und hilfsbedürftige Menschen in der Familie zu versorgen, dennoch gab es hier einfache Zimmer für 18 alleinstehende Damen und Witwen. Die Nutzung als „Altenheim“ ist somit bis heute gleich geblieben.

Geheimnisvoller Ort – ein verlassenes Haus

Schräg gegenüber ist von dem verlassenen Haus hinter einem verwilderten Vorgarten mit hohen Bäumen kaum noch etwas zu erkennen. Der einst kunstvolle Eisenzaun ist inzwischen verrostet und mit Schlössern gesichert. Noch vor einigen Jahren wagte sich unser Fotograf ins morsche Innere und machte eindrucksvolle Fotos von den verlassenen Räumen. (www.ferdinandmarkt.com/stadtansichten)

Historische Bebauung im Übergang zur heutigen Zeit

Das große Eckhaus an der Schillerstraße wurde 1908 nach einem Entwurf von Fritz Gottlob errichtet. Vor wenigen Jahren wurde es von seinem Efeubewuchs und dem verwilderten Garten befreit und denkmalgerecht saniert. Heute hat man zwar einen freien Blick auf die wunderschöne Architektur, aber für meinen Geschmack war der „Kahlschlag“ zu massiv.

Auf der anderen Straßenseite fällt das Haus Nr. 23 durch den Gegensatz zwischen seinem modernen Äußeren in Form eines Kubus und dem vorgesetzten Portal mit ovalen Fenstern auf. In den zwanziger Jahren vom Landhausarchitekt Andreas Doll errichtet, war es ursprünglich noch mit einem Mansarddach versehen.

Wieder gegenüber, im Haus Nummer 8, wohnte der Komponist, Pianist, Dirigent und Pädagoge Georg Schumann, der von 1900 bis 1952 Direktor der Sing-Akademie zu Berlin war. Für seine Lebensleistung wurde Georg Schumann aus der Hand des Bundespräsidenten Dr. Theodor Heuss als erster Deutscher 1951 mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Heute ist das Haus Sitz der Georg-Schumann-Gesellschaft e. V., die sich der Wahrung des künstlerischen Vermächtnisses von Prof. Georg Schumann verschrieben hat.

Im weiteren Verlauf der Morgensternstraße sind fast nur noch Nachkriegsbauten zu finden. Auch hier wurden die großen Mietshäuser an der Ecke zur Akazienstraße und Ulmenstraße im Krieg zerstört. Alte Postkarten zeigen uns, wie es hier einmal ausgesehen hat. Geblieben bzw. nachgepflanzt sind jedoch die vielen Bäume, die heute noch den Charme dieser Straße ausmachen.

Text Jutta Goedicke, Fotos Peter Hahn und Archiv Wolfgang Holtz