verborgene Schönheiten – Treppenhäuser

Artikel aus 02|2017


TREPPENHÄUSER IN LICHTERFELDE OST UND LANKWITZ

In der modernen Funktionsarchitektur werden Treppenhäuser meist rein zweckmäßig betrachtet. Ein Beispiel dafür, dass ihm in früheren Zeiten wesentlich mehr Beachtung zuteil wurde, fand ich eines Tages bei einem Streifzug durch den Kiez. Hinter einer mit Schmiedeeisen verzierten Eingangstür entdeckte ich goldene Ornamente, farbige Wandmalereien und üppige Stuckarbeiten, die zwar nicht so prächtig wie in manch hoch-herrschaftlichen Häusern Charlottenburgs waren, die aber gerade hier beeindruckten. Es war das Entrée eines gutbürgerlichen Mietshauses aus der Zeit um 1900, das mit weißem Stuck und hohen Fenstern auch von außen auffiel. Mein Interesse war geweckt, mir die verschiedensten Häuser im Kiez auch einmal von Innen anzuschauen und sie mit Bauten aus späteren Zeiten zu vergleichen.

An Mietshäusern, die um 1900 im Historismus oder Jugendstil erbaut wurden, war es üblich, sowohl die Fassaden mit viel Stuck, Putten, Simsen oder floralen Elementen zu gestalten als sie auch von Innen mit viel Liebe zum Detail und handwerklichem Können auszukleiden. Neben Stein- oder Marmorfliesen im Eingangsbereich waren es vor allen Dingen die kunstvollen Verarbeitungen von Holz und Messing, die zum charakteristischen Bild dieser Zeit gehörten: einfache oder doppelflügelige Türen mit Oberlichtern, weich geschwungene Handläufe, gedrechselte Staketen und Antrittspfosten oder mit Messing beschlagene Türknaufe und Klingelbretter. Die Flurfenster waren durch Sprossen aus Blei oder Holz mehrfach unterteilt und mit Bunt- oder Ornamentglas gestaltet. Noch heute strahlt solch ein Treppenhaus eine gediegene Eleganz und Beständigkeit aus, wenn es fachgerecht renoviert und erhalten wird.

Selbst mit den knappen Mitteln der Nachkriegsarchitektur fand man in der Gestaltung von Treppenhäusern zeitgemäße Möglichkeiten, den Aufschwung und den Willen zu Neuem durch ein Spiel mit Farben, Formen und Materialien auszudrücken. Alles wurde leichter, heller, filigraner und geschwungener. Statt des aufwändig zu verarbeitenden Holzes wurden nun meist Stein, Metall, Gummi und Kunststoff eingesetzt. Trotzdem wurde noch Wert auf Individualität und Verarbeitung gelegt. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür gab mir das Hochhaus im Renatenweg 15. Ich war überaus erstaunt, als ich hinter der Haustür vor einer von senkrechten Stahlrohren eingefassten, luftigen Wendeltreppe stand, die auch aus einem Sience Fiction Film hätte stammen können. “Beam me up Scotty!” Es ist das Werk des Architekten Paul Rudolf Henning (*15.8.1886, +11.10.1986), der sich schon vor dem Krieg als Vertreter des Neuen Bauens einen Namen gemacht hatte. Um 1956 errichtete die DeGeWo hier zum Teil mit Mitteln des Marshall-Plans die ersten acht- bis zwölfgeschossigen Wohnhochhäuser der Stadt. Nach 50 bis 60 Jahren in Gebrauch, sind inzwischen viele der alten Bauten saniert worden. Nicht immer hielt man sich dabei an die originalen Vorlagen, was sicherlich auch auf das fehlende Bewusstsein zur Werterhaltung dieses Stils spricht.

Dass man die alten Zeiten mit ihrer Achtung für handwerkliche Feinarbeiten nicht zurück bekommt ist unabänderlich, aber durch dieses Thema hat sich mein Blick auf die Nachkriegsarchitektur und das Vorurteil einer grauen Tristesse völlig verändert. Nicht umsonst werden seit einiger Zeit Gegenstände der “Nierentisch-Epoche” besonders von jungen Leuten sehr geschätzt. Im Kontext der Zeit erklärt sich alles und vielleicht ist die Nüchternheit und Geradlinigkeit, mit der man heute baut, genau das, was man in 50 Jahren an unserer Zeit schätzen könnte.

Text und Bilder Jutta Goedicke